Von dem Entschärfen von Sprengkörpern
Neben Podcasts, Artikeln, Kommentaren, Profilen, Listen, Gruppen und Bildern ist das allgemeine Web 2.0 auch eine gigantische Anhäufung von vielen mehr oder weniger kleinen Zeitbomben, die nicht unbedingt explodieren müssen, die aber im ungünstigsten Fall explodieren können. Millionen dieser Bomben lasten meist unbemerkt auf den schmalen Schultern einzelner Mitglieder diverser Communitys, denen meistens nichts anderes übrig bleibt, als auf Blindgänger zu hoffen. Wenn es jedoch schlecht läuft, sind diese Bomben gefährlich und können im Extremfall sogar Existenzen zerstören.
Aus diesem Grunde ist es wichtig, über eigenhändig im Web abgelieferte Daten die absolute Kontrolle zu behalten. Es ist wichtig, diese freiwillig und mit subtil injizierter Begeisterung abgegebenen Daten nicht zu unkontrollierbaren Sprengkörpern werden zu lassen.
Die elektronische Welt ist leider ziemlich bunt und schmeckt nach Vanilleeis, so dass sich die Datenschafe auf dem Weg zum Schafott oft regelrecht darum prügeln, ihre persönlichen Daten und Inhalte denjenigen AAL Diensten zu geben, welche ihnen die meiste Aufmerksamkeit und Hippness versprechen. Versprechen ist ohnehin etwas, was diese Dienste ziemlich gut können. Solange die User weiterhin schön brav ihre Daten und Inhalte ohne Nachzudenken am Lieferanteneingang dieser Dienste abgeben, gibt man ihnen das Gefühl sich um sie zu kümmern. Möchte man aber eigene Inhalte wieder zurückholen, wird sich nicht mehr ausreichend gekümmert.
Klar, ohne diese Inhalte wären solche Dienste auch ein jämmerliches Nichts. Liefern sollen wir eigenen Content, am besten regelmäßig, viel und exklusiv, kontrollieren dürfen wir unseren Besitz ab dem Zeitpunkt der Lieferung oft nicht mehr ausreichend. Am allerwenigsten dürfen wir diese Inhalte wieder löschen, ich habe es selber versucht und wollte mich vor einigen Monaten an gewissen Stellen aus dem Web 2.0 ausradieren. Mit mäßigem Erfolg.
Zunächst stand bei mir eine Aktion auf dem Programm, die die vermeintlich schwerste Entscheidung im Vorfeld bedeutete. Aber es hat dann sogar Spaß gemacht, eine selbst gehostete Seite mit Web 2.0 Angeboten zu einem bestimmten Thema aus dem Netz zu eliminieren. Interessen ändern sich nun mal und wenn man ein Projekt nicht mehr verfolgen möchte, sollte man es aufgeben und aus dem Netz entfernen, bevor es langsam vereinsamt. Das ist zumindest meine Meinung.
Auf jeden Fall war das ein Gefühl von grenzenloser Freiheit im täglichen Web 2.0 Trott, welcher für zu viele Teilnehmer schon lange mehr Zwang als Vergnügen bedeutet. Aber sag das mal z.B. einem Blogger, der konkret damit gemeint ist. Er wird sich wie gewohnt mit platt daher gesülzten Phrasen dagegen wehren, aber zurück zum Thema.
Wenigstens an dieser Stelle, beim löschen einer selbst gehosteten Seite, lässt das Web 2.0 dem jeweiligen Betreiber freie Hand über die eigenhändig erstellten Inhalte. Aber auch nicht so hundertprozentig, denn selbstverständlich existieren die üblichen Syndizierer, Cache- und Archiv-Betreiber, welche mit oder ohne erteile Erlaubnis, die für sie fremden Inhalte kreuz und quer im meistens auf Geldvermehrung ausgelegten Mitmachnetz verteilen.
Unter diesem Aspekt hat man schon lange die Kontrolle über die eigenen Inhalte verloren, sobald man sie im Netz veröffentlicht.
Besonders unangenehm sind mir in diesem Zusammenhang schon häufiger die so genannten Podcast Verzeichnisse aufgefallen, die fremde Podcast Feeds gebündelt auf ihren eigenen Portalen anbieten um auf diese Weise eigennützig Besucherströme und somit Werbeeinnahmen zu generieren.
Komme mir nun aber niemand mit “Wir sind das Netz”. Wir sind nur die Datenschafe. Schäfer sind immer die anderen, die in den langweiligen Anzügen, die Businesskasper mit den Geschäftsmodellen, den Businessplänen, den Investoren und den zu erwartenden Zahlen, also diejenigen, die man am Besten nicht mehr allzu Ernst nimmt.
Neben dem Löschen der eigenen Seite wollte ich noch die von mir genutzten Dienste, die ich mittels eines Benutzerkontos samt Password eigenhändig angelegt hatte, aus dem Mitmachnetz beseitigen. Dies sollte ja wohl kein großes Problem darstellen. Dachte ich zumindest. Dass ich an dieser Stelle falsch dachte, zeigten mir mehr oder weniger bekannte deutsche Web 2.0 Dienste die einzig und alleine von fremden Inhalten leben, auf unschöne Art und Weise.
Zum Beispiel ein bekannter deutscher Videodienst. Dort war ich mit eigenem Account und einigen Videos vertreten. Auch dies alles sollte verschwinden. Es dauert nicht besonders lange, bis ich innerhalb des eigenen Profils unter Benutzerdaten/Mitgliedschaft den Button “Mitgliedschaft beenden” fand. Nur hatte dieser Button scheinbar keinerlei Funktion. Obwohl ich ihn mehrfach, auch an mehreren unterschiedlichen Tagen, betätigte, passierte nichts. Gar nichts. Überhaupt nichts. Also schrieb ich über das Kontaktformular auf deren Seite eine Nachricht an die Damen und Herren dieses Dienstes, mit der Bitte, doch meinen Account plus sämtlicher Videos zu löschen. Daraufhin passierte … nichts. Überhaupt gar nichts. Bis heute nicht, und heute ist einige Monate später.
Mittels einer verhältnismäßigen sehr zeitaufwändigen und umständlichen Aktion war ich zwar in der Lage, meine dort eingestellten Inhalte Stück für Stück händisch zu löschen, aber mein Account existiert dort weiterhin. Geben darf man dort also immer gerne, nehmen wird scheinbar weniger gern gesehen und zumindest in meinem Fall erst recht nicht mehr supportet. Shame on you.
Die amerikanische Mutter aller User generated Videoanbieter im Flashformat, YouTube, war an dieser Stelle schon deutlich entgegenkommender, sogar regelrecht Vorbildlich. Hier war es überhaupt kein Problem eine große Menge eigenhändig veröffentlichter Videos in wenigen Minuten zu löschen, um danach ohne Komplikationen und Hürden den eigenen Account zu eliminieren. Liebe Leute des deutschen Videoanbieters. Wenn ihr YouTube Konkurrenz machen wollt, dann solltet ihr zunächst einmal die grundlegenden Account Funktionalitäten sauber implementieren, bevor ihr das Web mit den vielen bunten Videos eurer Mitglieder beglückt. Denn wenn man euch Content geben soll, dann müsst ihr auch das Nehmen ermöglichen und akzeptieren.
Danach wollte ich meinen Account bei einem deutschen sozialen „Buchmarkierer“ (Bookmark Dienst) in die ewigen Jagdgründe befördern. Eine entsprechende Funktion habe ich auf deren Seiten auf Anhieb leider nicht finden können, und auch die FAQ schwieg sich zu diesem, meiner Meinung nach existenziellem Grundrecht im Web 2.0, vollständig aus. Also schrieb ich eine Mail mit der Bitte nach Löschung meines Accounts an den dortigen Support. Immerhin, nach gut einer Woche antwortete man mir, man habe nun meinen Account gelöscht. Es geht doch. Das Großväterliche Pendant zu diesem deutschen Dienst, namens del.icio.us, zeigte hingegen keinerlei Probleme beim löschen des eigenen Accounts. Klappte gut in Eigenregie und zwar ohne jegliche Schwierigkeiten. Einmal klicken, weg war das Konto samt Inhalte. Genau so soll es sein.
Danach war der bei einigen Deutschen in Ungnade gefallene Bilderdienst Flickr an der Reihe. Dieser Dienst hatte schon hinreichend Erfahrung mit dem löschen von deutschen User Accounts und deren Inhalte und auch hier klappte die Eliminierung aller meiner Bilder inklusive des Accounts vorbildlich. “Das war´s dann”, teilte mir Flickr nach Erfolgreicher Löschung mit und hatte absolut Recht. Das war´s dann wirklich. Meine Inhalte waren verschwunden.
Als nächstes kam MySpace an die Reihe. Hier rechnete ich instinktiv mit Problemen, wie sich aber herausstellte zu Unrecht. Ein Klick genügte und meine dortige Seite wurde zum löschen markiert und sollte in spätestens 48 Stunden aus dem Web verschwinden, was sie dann auch tat. “Ungültige Freund-ID. Dieser Benutzer hat entweder seine Mitgliedschaft gekündigt oder sein Account wurde gelöscht”. Sehr schön, das liest man als Eraser gerne.
Ein Facebook oder gar StudiVZ Account hatte ich mir vorsichtshalber erst gar nicht angelegt. Diesen Diensten habe ich schon im Vorfeld misstraut.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass sich Inhalte und Accounts bei von mir genutzten amerikanischen Web 2.0. Diensten völlig problemlos löschen ließen, währenddessen die deutschen Pendants hartnäckig an den ihnen übergebenen Inhalten und Accountdaten festhielten. Schämen sollt ihr Euch, ihr deutschen Anstifter zum Mitmachen. Wenn ihr schon unbedingt wollt, dass wir Euch mit unseren Inhalten Eure Taschen stopfen, dann müsst ihr uns wenigstens im Glauben lassen, unsere an Euch übermittelten Inhalte und Daten selber verwalten, und sie bei Bedarf jederzeit verändern und/oder löschen zu können.
Dies macht ihr nicht, und deshalb vertraue ich Euch nicht mehr. Ihr ködert uns und macht uns bunte Versprechungen damit wir bei Euch einsteigen, aber ihr helft uns nicht hinreichend oder nur widerwillig, wenn wir wieder aussteigen möchten. Faires Verhalten sieht für mich vollständig anders aus.
Die oben erwähnten digitalen Sprengkörper fristen also zu großen Teilen weiterhin ihr, unter Umständen, gefährliches Dasein und können jederzeit explodieren. Vielleicht dann, wenn ihr auf der Suche nach einem neuen Job seit, vielleicht dann, wenn sich Datensammler ein Profil von Euch anlegen wollen, vielleicht dann, wenn riesige Datenbestände zusammengeführt und Rohdaten veredelt werden. Einsatzzwecke dafür hätte ich in meiner schmutzigen Fantasie genug, vornehmlich solche, die durch irgendwelche Marketingdinge in bare Münze umgewandelt werden können.
Begegnet man solchen Diensten mit angebrachter Skepsis oder gar Kritik, dann wird man komisch angeschaut. Gerne auch von genau denjenigen, die sich das neue Netz schon finanziell zu Nutze gemacht haben. Komisch ist das nicht, Komisch seid ihr selber.
Sprengkörper
Sprengkörper weil’s sonst langweilig wird, auch wenn sich einer mal am falschen Ort verirrt.
Sprengkörper für die Headlines im TV, tragen explosive Accessoires zur Schau.
Sprengkörper schlecken Eiscreme im Café, zelebrieren sich im Auftrag einer großen Idee.
Sprengkörper um die 2000 die Nacht, für so manchen Millionär da hat es „Boom“ gemacht.
(Sprengkörper - Mediengruppe Telekommander)