Ich fordere einen offenen Brief

Dieselbe GVU (Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen e.V.), die 2006 im Verdacht stand Raubkopierer gesponsert zu haben, wirft nun den Internetprovidern vor, sich im Kampf gegen Raubkopierer zu verweigern.
Christian Sommer, Vorstandsvorsitzender der GVU, meinte laut einer Heise Meldung: „Bislang gibt es keinen einzigen konstruktiven Vorschlag aus der Branche, wie das existenzbedrohende Problem der hundertmillionenfachen illegalen Downloads von Raubkopien im Internet angegangen werden kann“.

Jetzt könnte man sich erneut wundern, warum denn ausgerechnet die Internetprovider ein Teil der Lösung des Problems sein sollten, oder vielleicht sogar das Problem an sich, aber das lässt man besser bleiben, denn wundern muss man sich über solche hanebüchenen Vorschläge zu dieser Thematik schon lange nicht mehr.
Findet man seitens der Musikindustrie keine schnelle Lösung, weil man nicht bereit für Veränderungen ist und weil man sich offensichtlich noch in den 80er Jahren wähnt, überträgt man das Problem einfach weiter an die Lobbyisten. Diese Lobbyisten sind aber funktionsbedingt genauso machtlos, also suchen sie einen weiteren „Schuldigen“ (die ISPs) des Problems. Den Vergleich habe ich zwar schon einmal bemüht, aber im Grunde genommen wäre das ähnlich, als würde man das Straßen- und Verkehrsamt für Autodiebstähle in der Verantwortung sehen.
Eine recht lustige Tatsache an dieser aktuellen Diskussion ist, dass die GVU den Providern in ihrer großen Not nun genau das vorwirft, was viele Kritiker der Musikindustrie vorwerfen, nämlich das Festhalten an alten Geschäftsmodellen.

Und so wird der Ball hin und her und her und hin gespielt, man vergeht sich in müßigen Diskussionen und Schuldzuweisungen, ohne wirklich konstruktive oder wenigstens ansatzweise interessante Vorschläge zu unterbreiten. Denn dazu müsste man sich eventuell zuerst an die eigene Nase fassen, aber das ist selbstverständlich nicht das Richtige für die einst so mächtige deutsche Musikindustrie und deren Lobby. Schuld sind immer die anderen. Man selber ist unfehlbar.

Zurzeit kann man als interessierter Beobachter dieser Thematik klar erkennen, dass es die Musikindustrie ausschließlich auf eine politische Lösung ankommen lassen möchte. Zuerst der offene Brief an die Frau Bundeskanzlerin und nun ein weiterer Vorschlag in Richtung Gesetzgebung. Offensichtlich ist man ernsthaft der Meinung, dass nun die ISP (Internet Service Provider) etwas gegen Raubkopien unternehmen müssten und man geht sogar soweit, bei scheinbaren Urheberrechtsverletzungen von Sperrungen des Internetzugangs zu sprechen.

Ehrlich gesagt kann ich es mir mittlerweile nicht mehr vorstellen, dass sich Musiker, Produzenten und Label von den Vortragenden solcher abstrusen Ideen noch seriös und fachlich gut vertreten fühlen. Und wenn dies so ist, dann wäre es meiner Meinung nach höchste Zeit für einen weiteren offenen Brief von Musikern und Produzenten. Diesmal allerdings nicht an Frau Merkel adressiert, sondern an die Lobbyisten der GVU und einige Vertreter der Musikindustrie. In einem solchem Brief sollten sich die genannte Personengruppe klar und deutlich von solchen Ideen distanzieren und darüber hinaus deutlich machen, dass sie sich nicht mehr ausreichend gut vertreten fühlen und einen solchen Weg nicht bereit sind mitzugehen.
Immerhin werden hier ganz offen mögliche Vorgehen diskutiert, die ohne weiteres jeden einzelnen Internetbenutzer treffen könnten, ganz egal ob dieser jemals illegal einen Song aus dem Internet übertragen hat, oder nicht.

Denn eins verwundert mich persönlich bei solchen Diskussionen immer wieder. Und das ist die Tatsache, dass man offensichtlich die Fans und Konsumenten, also die Personen ohne die es erst gar keine Musikindustrie geben würde, als eine graue hohle Masse ohne eigene Meinung sieht. Ich habe es schon einmal geschrieben, wenn man es sich erst einmal mit diesen Fans und Konsumenten verscherzt hat, dann hat man ein noch viel größeres Problem. Denn dann wird es das Gebilde welches man Heute allgemein Musikindustrie nennt, eventuell nicht mehr in einer Form geben, welche den Namen Industrie noch verdient.

Sollte es wirklich eines Tages dazu kommen, dass die ersten DSL Leitungen von Privatpersonen gekappt werden, weil jemand der Meinung ist, dass darüber Musik aus einer nicht legalen Quelle gedownloadet wurde, dann könnte das bisher nicht geahnte Auswirkungen haben, gegen die die jetzigen Probleme der Musikindustrie nur lächerliche Peanuts sind.

Jeder einzelne Musiker und Produzent, der sich nicht ausdrücklich gegen ein solches Vorgehen, welches eventuell nicht mit den Grundrechten vereinbar ist, ausspricht, wird dann mitschuldig an diesen Auswirkungen sein. Fans und somit Käufer ihrer Produkte, hätten solche Musiker dann nicht mehr verdient. Auch mich könnten sie dann, ohne ein solches klares Statement, allesamt kräftig am Arsch lecken. Und das obwohl ich solche Kraftausdrücke innerhalb dieser Diskussion eher ungern verwende. Als Geldgeber zur Umsetzung solcher Praktiken stünde ich dann unter Umständen nicht mehr zur Verfügung.

Es ist eine Sache für seine Urheberrechte einzutreten, und ich bin der letzte der etwas dagegen hätte, aber es ist eine andere Sache nicht zu erkennen, wann man deutlich über das Ziel hinausschießt und somit das Kind mit dem Bade ausschüttet. Die Sperrung von Internetzugängen darf innerhalb dieser Diskussion kein Thema sein. Niemals.

Veröffentlicht von kidffm am 25. Mai 2008. Abgelegt unter: Medien, Musik und gekennzeichnet mit folgenden Tags: . Du kannst einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback auf Deiner Seite setzen.

Hinterlasse einen Kommentar

blogoscoop