Von Musik 2.0 und der Zukunft der Musikindustrie

Seitdem es möglich ist Musik digital zu speichern, hat die Musikindustrie (MI) ein immer größer werdendes Problem.
Anfänglich freute man sich in den Chefetagen noch über die neuen technischen Möglichkeiten, und selbstverständlich verkaufte man den stolzen Besitzern von diesen brandneuen CD Playern, gerne noch einmal alle bereits im Schallplattenformat vorhandenen Alben auf den neuen kleinen Silberscheiben namens CD.
Die Gewinne waren traumhaft, der Musikindustrie (MI) ging es blendend. Aber nicht nur die MI freute sich über den neuen Geldsegen, auch die Hersteller von Hardware hatten allen Grund zur Freude. Bald gab es fast keinen Haushalt mehr, in dem nicht mindestens ein CD-Player stand, kein PC mehr ohne CD-ROM oder CDRW-Laufwerk. Sehr bald war es dann sogar möglich diese kleinen Scheiben einfach zu kopieren, und im Freundeskreis vervielfältigte man begeistert Musik füreinander, und brannte der Liebsten exklusive Mixe auf den neuen Silberlingen. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Welt der damals mächtigen MI noch in Ordnung und auch die Konsumenten hatten soweit keine Probleme.

Dann gab es plötzlich ein neues Format, welches die Musik auf Festplatten verlegte, und somit auch in das sich immer rasanter entwickelnde Internet. MP3 wurde für jedermann unkompliziert nutzbar. Wo man vorher eine kopierte CD mit Freunden tauschte, war es nun möglich Musik über das Internet mit der ganzen Welt zu tauschen. Anwendungen zu diesem Zweck ließen nicht lange auf sich warten, die Tauschbörsen waren geboren. Und somit auch die mit Abstand größte Krise der Musikindustrie, wobei die Betonung ganz klar auf „Industrie“ liegt.

Und jetzt?
Wenn man sich aus heutiger Sicht die Musikindustrie anschaut, dann muss man sich fragen, ob diese einst so mächtige Maschinerie in wenigen Jahren überhaupt noch existiert. Zumindest in der uns bekannten Form wird dies mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr der Fall sein. Die MI beginnt sich selber aufzulösen und dieser Prozess wird vor allem im Internet mit völlig unterschiedlichen Meinungen intensiv begleitet.
Für diejenigen, die Musik in erster Linie auf Dateiebene konsumieren, hat sich der materielle Wert von Musik drastisch verändert. Dateien, die man ohne qualitative Verluste beliebig oft kopieren und verteilen kann, haben für die meisten Konsumenten verständlicherweise nicht mehr den gleichen Wert wie eine gekaufte CD oder Schallplatte. Für viele haben solche Dateien sogar gar keinen materiellen Wert mehr, weshalb diese Personen sich dann auch kostenlos mit Musikdateien eindecken. Sie tun dies auch, weil sie es können, weil es funktioniert. Zu jeder Zeit.
Selbstverständlich kann man das Nutzen solcher Angebote auch anders und detaillierter begründen. Pee Wee Vignold spricht in seinem sehr guten Artikel (via Falk Merten) zum Beispiel davon, dass Tauschbörsen auch deshalb so stark genutzt werden, weil dort Neuerscheinungen schon weit vor offiziellem Erscheinungsdatum erhältlich wären. Er schreibt: “… und Fans sind für eins bekannt: sie können nicht warten“, womit er absolut Recht hat.

Nur um es kurz vorweg zu nehmen: Ich bin kein großer Freund derjenigen Webschreihälse, die nicht müde werden diverse Arten von urheberrechtlich geschützten und kostenlos angebotenen digitalen Kopien auf Teufel komm raus und sehr allgemein gesellschaftsfähig machen zu wollen, ohne sich weiterführende Gedanken zu dem Thema zu machen. Das sind diejenigen, die meinen, man solle eine Art von Tauschbörsenkultur als gegeben hinnehmen, weil sie eben da wäre, und dafür gefälligst irgendein Geschäftsmodell entwickeln. Prinzipiell haben diese Menschen nicht Unrecht, allerdings fordern sie meist „irgendein Geschäftsmodell“, ohne genau zu beschreiben wie dieses aussehen sollte, und machen es sich auf diese Weise sehr leicht.
Das nicht Vorhandensein eines solchen Geschäftsmodells wird dann auch gerne als moralische Rechtfertigung gesehen, sich dauerhaft und ausschließlich über Tauschbörsen und/oder One Klick Hostern kostenlos mit Musikdateien zu versorgen.

Und sind wir mal ehrlich, der leicht verharmlosende Begriff „Tauschbörse“ gibt heutzutage auch nicht mehr korrekt das wieder, was dort hauptsächlich geschieht. Es läuft nicht nach dem Motto „Gib Du mir AC DC Highway to Hell, dann kriegst Du von mir Soundgarden mit Black Hole Sun“. Es werden im großen Stil alle nur erdenklichen kompletten Alben angeboten, teilweise schon lange vor offiziellem Veröffentlichungstermin, und der Großteil der Nutzer solcher Angebote ist hier auch nicht zum geselligen tauschen unterwegs, sondern sieht diese Plattformen eher als kostenlosen Selbstbedienungsladen.
In gewisser Weise ist diese Ansicht sogar verständlich, denn es ist verführerisch problemlos möglich, sich dauerhaft mit absolut individueller Musik zu versorgen, ohne auch nur ein einziges Album kaufen zu müssen. Musik hat somit für viele Nutzer solcher Angebote einen Wert von exakt 0,00 Euro. Wenn man sich das vor Augen führt, und darüber hinaus etwas Einblicke in den Entstehungsprozess von Musik hat, dann ist diese Tatsache schon sehr traurig. Wie hier mit Produkten umgegangen wird, die unter hohem Zeit- und Kostenaufwand entstanden sind, und in den meisten Fällen voller Herzblut stecken, ist nicht fair.

Denn würden Kunden, um mal ein wirklich dummes Beispiel zu nennen, ihren kleinen Lieblingsweinhändler um die Ecke permanent beklauen, dann würde dieser über kurz oder lang seinen Laden dicht machen müssen. Den netten Lieblingsweinhändler um die Ecke wird es dann nicht mehr geben und ein Stück eigene Lebensqualität wäre flöten.
Ähnliches wird mit einzelnen Bands passieren, ich bin mir sogar sicher, dass komplette Musikgenres auf Dauer nicht mehr existieren werden, wenn das kostenlose verbreiten urheberrechtlich geschützter digitaler Kopien weiter so rasant zunimmt ohne einen entsprechenden finanziellen Ausgleich für die Künstler zu schaffen, und somit die ohnehin schon niedrigen Umsätze im Musikbusiness weiter weg brechen.

Was derzeit fehlt, ist das Bindeglied zwischen Musikindustrie und Konsumenten. Die MI sieht ihr Ende nahen und versucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen das Verbreiten nicht legaler Musikdateien vorzugehen, während die Kunden das einen feuchten Dreck schert und sich weiterhin kräftig mit für sie kostenloser Musik eindecken. Bricht auf einer Seite ein solches Angebot weg, entstehen auf anderen Seiten dafür zwei Neue.
Fast noch schlimmer als dieses Verhalten ist die Tatsache, dass die Konsumenten jede Gelegenheit nutzen kräftig auf die „böse“ MI zu schimpfen, während die MI selber nichts Besseres zu tun hat, als ihre Kundschaft durch vermeintliche „Aufklärungsarbeit“ in die Nähe von Schwerverbrechern zu rücken. Es ist kein gutes Verhältnis was zwischen Kunden und der MI herrscht.

Klar ist derzeit nur, dass sich beim Thema Musikvermarktung etwas ändern muss. Was sich an welcher Stelle wie ändern muss, damit sowohl Musiker, Musikschaffende als auch Medien, Konsumenten und Fans auch in Zukunft gut leben können und sich nicht gegenseitig beschimpfen und behindern, das ist bislang eine noch nicht beantwortete Frage.
Auch dieser Artikel wird diese Frage nicht klären können, sonst stände er nicht an dieser Stelle. Es wäre sehr vermessen anzunehmen, dass eine einzelne Person auch nur annähernd Licht in dieses Dunkel bringen könnte. Ein solches neues Geschäftsmodell der Musikindustrie (MI) lässt sich nur gemeinsam mit ausreichend Kreativität und ohne gegenseitige Schuldzuweisungen klären. Leider sind derzeit weder die Konsumenten und Fans, noch die MI dazu in der Lage.

Wenn eine Band, unter welchen Umständen und Label/Bandkonstellationen auch immer, sich dazu entschließt, ihr Produkt zu verkaufen anstatt es zu verschenken, dann ist dies in erster Linie erst mal zu akzeptieren. Tut man das nicht und beschafft sich deren Werke dauerhaft auf illegalem Wege ohne den jeweiligen Künstler auf irgendeine Art dafür zu entlohnen, dann ist dies als Diebstahl zu bezeichnen und deutet auf den absolut mangelnden Respekt vor schöpferischer Arbeit und geistigem Eigentum hin. Und nicht nur das, es deutet auch auf den mangelnden Respekt vor der Persönlichkeit, dem Leben und den Einkommensverhältnissen anderer Menschen hin. Man könnte es auch kurz und knapp als asozial bezeichnen. Menschen, die man mindestens für ihr Produkt liebt, zu beklauen, ist sogar noch mehr als asozial. Immerhin geht es bei Musik um wesentlich mehr als um eine einfache Datei, es geht um Emotionen und um Charakter.

Gelegentlich konnte man in der Vergangenheit übrigens Contentpublizierer im Internet beobachten, die sich für eben solche „Raubkopien“ stark machen, aber schnell nach Mutti kreischen wenn sich ein böser Webworker mittels Syndizierung oder einfachem Copy and Paste Verfahren ihrer eigenen Inhalte ermächtigt. Ernst zu nehmen sind solche ambivalenten Persönlichkeiten nicht, aber sie generieren als selbst ernannte Visionäre eben doch eine gewisse Aufmerksamkeit im Netz. Schnell stimmt dann der Chor der „Freibiergesichter“ ein und schon fühlen sich diese Menschen bestätigt und sehen sich als Visionäre einer Sache, die derzeit leider keine Visionen mehr hat.

Es sind letztlich immer wieder die gleichen Personen, die in einer ständigen Repeatschleife das (ich kann es wirklich nicht mehr lesen) Radiohead und NIN Konzept hervorheben, und dies als beispielhaftes Modell auf die komplette Musikindustrie übertragen.
Dass dies aber eben ganz genau nur für die jeweilige Band funktioniert, die im Übrigen ihre finanziellen Schäfchen schon lange im Trockenen hat und sich aus diesem Grunde solche Versuche erlauben kann, will der kleine „Experte“ partout nicht einsehen. Es ist müßig hier nun die vielen Hunderttausende Gegenbeispiele zu erörtern, in denen genau dies eben nicht funktionieren wird. Aber das ist natürlich nicht so interessant und populär.

Es mag sein, dass sich dies für einige nun in erster Linie nach Moralapostel und weißen Westenweisheiten anhört. Das soll es aber gar nicht. Es geht hier nicht um einzelne Personen, sondern es geht um ein Gesamtkonzept, welches sehr sorgfältig durchdacht und erarbeitet werden muss. Vielleicht müssen auch erst unterschiedliche Modelle der Vermarktung von Musik in der Praxis getestet werden um zu erfahren, welches davon längerfristig das geeignete ist. Es geht also auch um Mut zur Veränderung und um die Bereitschaft Fehler zu machen, hinzufallen und wieder aufzustehen.
Und ganz besonders geht es darum Werte zu erhalten, und ein Bewusstsein für diese Werte zu schaffen. Denn sobald ein Produkt als wertlos angesehen wird, lässt sich damit kein Geld mehr verdienen.

Was sollte sich ändern?
Würde ich das wissen, wäre ich sehr froh. Ein paar eigene Gedanken macht man sich, als jemand für den Musik sehr viel mehr bedeutet als das Radio einzuschalten, aber schon.
Die Musikindustrie darf sich nicht mehr selber als allmächtige Instanz begreifen, die unfehlbar ihrer Wege geht, und sich bei der Bundeskanzlerin beschwert, wenn nicht alles so läuft wie man sich das in den Chefetagen vorstellt. Denn so laufen, wie es in den eigenen veralteten Vorstellungen ideal wäre, wird es nie wieder.
Es muss begriffen werden, dass wir nicht mehr in den 80er Jahren leben und es massive Veränderungen im Nutzerverhalten gegeben hat. Auch die Ansprüche an Musikprodukte haben sich drastisch verändert. An dieser Stelle muss die MI wahrscheinlich am ehesten ansetzen, damit sie dem Kunden geben kann, was er will.
Außerdem ist es nun wichtig, das gesamte Thema neu zu überdenken, auch völlig abwegige Ideen mit einzubeziehen und so zu tun, als fange man noch einmal von vorne an, denn in Bezug auf digitale Kopien tut man genau das. Man steht ganz am Anfang einer Entwicklung. Eine Entwicklung, die die Musikindustrie übrigens aus eigener Kraft eingeleitet hat, und an der sie anfänglich sehr gut verdient hat.

Dies wird allerdings nur im intensiven Kontext mit den Konsumenten und Fans geschehen können, denn ein solcher Austausch wird die Grundlage neuer Modelle sein.
Aber wie soll man nun eine solche Kommunikation anstoßen, wo doch die Fronten so verhärtet scheinen?
Zunächst muss die pauschale Kriminalisierung von Fans und Konsumenten aufhören, und zwar sofort. Nur wenn die MI es vorerst einmal grundlegend akzeptiert, dass es Downloads gibt und weiterhin geben wird, auch wenn diese nicht legal sein mögen, kann eine solche Kriminalisierung eingestellt werden.

Aber nicht nur die MI muss sich massiv bewegen, dies müssen auch die Konsumenten und Kritiker.
Es reicht an dieser Stelle nicht, pauschal und meistens ohne jegliche Verbesserungsvorschläge verbal auf die MI einzudreschen, es müssen neue Anregungen, Ideen und Vorschläge her. Das derzeitige Dilemma löst man mit großer Sicherheit nur gemeinsam, also mit der MI, mit den Musikern und mit den Konsumenten und Fans.
Auch muss eingesehen werden, dass es keine für alle pauschal funktionierende Lösung geben wird. Eine solche Lösung wird immer individuell sein, und bis auf Bandebene herunter gebrochen werden müssen. Was für Band A gut funktioniert, könnte für Band B den finanziellen Ruin bedeuten. Gleiches gilt für kleinere Labels.

Leider passiert zurzeit das genaue Gegenteil. Eine wenige Musiker entfernen sich vollständig von der MI, die MI entfernt sich von ihren Kunden, und den Kunden ist so ziemlich alles egal, solange sie kostenlos an ihre Downloads kommen. Mit dieser Situation wird sich keine Lösung finden lassen.

Dass die Fronten hier extrem verhärtet scheinen, und oft unfair agiert wird, sieht man auch besonders schön an einigen Reaktionen auf den offenen Brief zum Tage des geistigen Eigentums einiger Kunstschaffender und Musiker an unsere Bundeskanzlerin. Obwohl dieser Brief im Großen und Ganzen Richtiges fordert, nämlich, dass man gemeinsam mit den Verbrauchern ein Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligter entwickelt. (Die in diesem Brief erwähnten Internetprovider überlesen wir an dieser Stelle großzügig, da es sich hier offensichtlich um großen Schwachsinn handelt. Das Straßen- und Verkehrsamt springt nun mal auch nicht regulierend bei Autodiebstählen ein.)

Klar, man kann irgendwo nachvollziehen, dass es auf den ersten Blick ein wenig albern erscheinen könnte, wenn sich ausgerechnet unterzeichnende Künstler wie Herbert Grönemeyer, Rosenstolz oder Peter Maffay Sorgen um ihren durch böse „Raubkopierer“ gefährdeten Lebensunterhalt machen, aber so ist es auf den zweiten Blick eben nicht zu verstehen. Denn es gibt es eine große Menge an Nichtunterzeichnern, die sich im Gegensatz zu einigen Unterzeichnenden wirklich Sorgen um ihre künstlerische Zukunft machen, oder in naher Zukunft machen müssen. Das ist eine Tatsache und erstreckt sich über alle Künstler, deren Kunst im Internet digital abbildbar und darüber anerkannt konsumierbar ist.
Pop- oder Rockmusik steht, im Gegensatz zu anderen Künsten, nicht unter staatlicher Förderung und ist mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Hier kann und will man sich nicht auf den Staat stützen, und sollte dies dann auch nicht tun, wenn es mal etwas unbehaglicher wird.

Es muss also in Sachen Umgang mit dem Urheberrecht in der Tat etwas geschehen, und dass man darüber auf beiden Seiten intensiv nachdenkt, will dieser Brief hoffentlich erreichen. Es wird innerhalb dieses offenen Briefes nichts gefordert, was die Mauern in den Köpfen wachsen lassen würde. Es wird auch nicht mit dem Finger auf die bösen Raubkopierer gezeigt und niemand stimmt das lächerliche Lied von „noch 4 mal singen“ an.
Wobei ich gerne zugebe, dass man sich seitens der Autoren dieses Briefes den dubiosen Hinweis auf die beiden Länder Frankreich und England hätte sparen können, denn dort zeichnet sich eben genau nicht ab, dass man gemeinsam mit den Verbrauchern ein Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligter entwickelt. Aber okay, innerhalb dieser Thematik kann und wird man es ohnehin niemals allen Recht machen können, jede Aktion und jedes Wort wird sofort auf die berühmte Goldwaage gelegt und man schießt lieber als Erster zweimal aus der Hüfte bevor man anfängt einmal nachzudenken. In dieser Beziehung unterscheiden sich Musikindustrie sowie Fans und Verbraucher nicht besonders stark voneinander.

Wie man sieht, schreibe ich über diesen offenen Brief etwas ambivalent. Das liegt daran, dass mir dieser Brief als Aktion gefallen hat, ich aber inhaltlich nicht immer derselben Meinung bin wie die Unterzeichner. Ich finde es prinzipiell gut, dass man seitens der Künstler mit diesem Thema nun langsam an die Öffentlichkeit geht. Auf diese Weise werden einige Menschen zum ersten Mal auf diese Problematik aufmerksam und fangen an darüber nachzudenken. So entstehen dann die wichtigen Debatten zu diesem komplexen Thema. Diese Künstler hätten ihre Bedenken auch nicht öffentliche an die Politik herantragen können, so wie es wahrscheinlich der Normalfall ist.
Andererseits ist es aber so, dass unsere Bundeskanzlerin diesen Brief mit hoher Wahrscheinlichkeit völlig falsch interpretiert und sich dazu aufgefordert sieht, mit verschärfter Überwachung und Verfolgung gegen Tauschbörsennutzer vorzugehen.
Weiterhin ist es ein Zeugnis von geistiger Umnachtung, wenn man seitens dieser Künstler meint, die Politik könne dafür sorgen, dass ihre Umsätze wieder steigen. Wenn man der Realität nicht ins Gesicht sehen kann, wenn man tatsächlich meint man mache mit völlig veralteten Geschäftsmodellen alles richtig, und wenn man weiterhin annimmt, die Politik würde einem helfen mit diesem nicht mehr zeitgemäßen Vorgehen weiter erfolgreich sein zu können, dann hat man eventuell wirklich nichts anderes verdient als den finanziellen Ruin.
Aber das wiederum, ist viel zu allgemein, als das man dies so stehen lassen könnte und tut vielen Tausenden Künstlern Unrecht. Die Schuld an Umsatzeinbusen sollte man nicht zuerst bei den Kunden oder der Politik sehen, sondern bei sich selber und den angebotenen Produkten.
In den meisten dieser Fälle sind Eigenverantwortung und Kreativität die Zauberworte mit denen man weiter nach vorne kommt, als mit den Worten Bundeskanzlerin und Urheberrecht.

Und die Musiker?
Musiker wollen in erster Linie Musik machen und es muss ein funktionierendes Umfeld geschaffen werden, worin sie genau dies auch tun können. Und zwar nicht nur im Hobbykeller, sondern eben auch auf hohem Niveau, sofern dies gewünscht ist.
Man darf diesen Musikern nicht schon im Vorfeld diese Möglichkeiten nehmen und ihnen vor allen Dingen die Grundlage für ihre Arbeit entziehen. Denn sonst passiert eben genau das, was wir ganz bestimmt nicht wollen. Und zwar, dass die Bohlens und Madonnas dieser Erde aus einer in den Hochzeiten der Musikindustrie gesicherten Existenz heraus weiterhin wie am Fließband produzieren können, während weniger bekannten Künstlern genau diese Chance der Produktion genommen wird. Das wäre nicht das, was man eine vielfältige Musikkulturszene nennen könnte. Und auf eine vielfältige Kulturszene sind doch die Politiker in diesem Lande häufig besonders stolz.

Womit wird zurzeit Geld verdient, wenn Tonträger oder Downloads keine ausreichenden Umsätze mehr generieren?
Es gibt mittlerweile nicht wenige Tonträger, die, wenn überhaupt, gerade mal die Produktionskosten über den Verkauf einspielen. Also werden die Umsätze auf einem anderen Gebiet generiert. Dieses andere Gebiet heißt zurzeit Konzerte.
Um hier die weg brechenden Umsätze des Verkaufs von Tonträgern auszugleichen, passieren zwei Dinge. Zum einen werden die Eintrittpreise von Konzerten immer teurer und zum anderen müssen Musiker wesentlich häufiger Konzerte spielen als früher.
In dieser Praxis aber nun das zukünftige Modell der MI zu sehen wäre mehr als falsch. Denn aufgrund des oben genannten Vorgehens und der hohen Eintrittspreise wird es passieren, dass es zukünftig Luxus sein wird Konzerte zu besuchen. Und genau diesen Luxus kann man sich eben nicht sehr häufig leisten. Also werden auch an dieser Stelle auf kurz oder lang die Einnahmen weg brechen. Längerfristig ist also auch dies weder eine Lösung noch ein Zukunftsmodell.
Vor allem schließt genau dieses Vorgehen weniger bekannte Bands vollständig aus, was vielleicht das größte Problem dieser ganzen Entwicklung ist.
Denn wer sich mal intensiv mit noch weniger bekannten Bands beschäftigt hat, der wird wissen, dass solche Bands häufig eben keine ausreichenden Umsätze mit Konzerten generieren können. Das liegt zum einen an den Türdeals der einzelnen Clubs und zum anderen an dem fehlenden Interesse an solchen Konzerten. Nicht selten steht man auf solch kleinen Konzerten mit 30 weiteren Besuchern ziemlich alleine im kalten Club. Jeder Clubbetreiber weiß auch, dass er mit einem Discoabend wesentlich mehr Einnahmen generiert als mit einem solchen Konzert. Und dies sogar mit wesentlich weniger Aufwand.

Also noch einmal, die Idee, dass künftig Musik im wesentlichen kostenlos sein muss, weil die Einnahmen eben über Konzerte generiert werden, ist kein geeignetes Modell für die Zukunft, da hier junge, noch weitestgehend unbekannte Bands ausgeschlossen werden (Gleiches gilt im Übrigen für Merchandising). Außerdem werden, wie bereits erwähnt, solche Konzerteinnahmen abnehmen, da die Eintrittspreise ganz einfach zu hoch sind. Ein Besucher muss sich dann überlegen ob er zu Konzert A oder zu Konzert B gehen soll. Früher wäre dieser Besucher zu Konzert A, B und sogar noch zu Konzert C gegangen, und hätte sich auf allen drei Konzerten noch jeweils eine CD und ein T-Shirt gekauft. Diese Zeiten sind leider vorbei.

Soweit so gut, eine funktionierende Lösung zwischen Konsumenten und MI haben wir also noch nicht. Was wir in der Öffentlichkeit haben, sind Anfeindungen, Anklagen, Prozesse und Beschimpfungen. Wobei von den Kritikern der MI gerne vergessen wird, und das ist eine Tatsache, dass es sehr viele Bands gibt, die ohne diese „böse Industrie“ im Rücken keinen einzigen hochwertigen Song für die Öffentlichkeit zugänglich machen könnten. Es reicht eben nicht, heutzutage ganz einfach nur Musik zu machen, wenn man Erfolg in Form von einem hohen Aufmerksamkeitsfaktor, und eventuell der Möglichkeit von seiner Kunst leben zu können haben möchte. Denn sonst ist man eine der vielen Bands, deren Songs außer im Proberaum lediglich noch auf dem Sommerfest des Kleingärtnervereins zu hören sind. Klar, vielen Bands reicht das, das ist völlig in Ordnung, aber um solche Bands geht es hier nicht.

Die berühmte Musikindustrie, über die permanent geschimpft wird, ist also nicht nur dann präsent, wenn es um Produkte aus den vorderen Verkaushitparadenplätzen geht. Selbst Bands ohne Label im Rücken haben unter Umständen schon Kontakt mit der MI, wenn sie ihr erstes Album in einem Studio aufnehmen. Man sollte also schon sehr genau wissen wen man meint, wenn man pauschal über die Musikindustrie schimpft.

Wie man sieht ist das ein schwieriges und komplexes Thema und eine für alle gut funktionierende Lösung ist aufgrund der unterschiedlichen Interessenslage beinahe ausgeschlossen. Trotzdem muss es auch in Zukunft für Bands möglich sein, Einnahmen durch den Verkauf von Musik zu erzielen, da eine alternative Einnahmequelle ganz einfach nicht immer vorhanden ist.

Die große Kunst wird es für Bands und Labels zukünftig sein, einen Bandlifestyle aufzubauen, der sowohl kostenlose Angebote bereithält, als auch eine Fanbasis aufzubauen oder zu erhalten, die bereit ist Geld für deren Kunst auszugeben. Dazu gehört auch, dass man nicht legale Downloads akzeptiert. Denn hat man sich als Band seinen Ruf erst einmal durch scharfes vorgehen gegen nicht autorisierte Downloads ruiniert, wird es sehr schwer werden die eigene Fanbasis aufrecht zu erhalten. Metallica zum Beispiel können davon ein Lied singen, wobei sie diese Kurve dann doch noch gemeistert haben. Aber nur knapp.
Es gilt die eigenen Fans zu hegen und zu pflegen, sie an sich heranzulassen und vor allem anständig und ehrlich mit Ihnen umzugehen, denn die Fans sind die eigentlichen Chefs derjenigen Musiker, die mit ihrer Musik Geld verdienen wollen. Fans alleine entscheiden ob ein Album gekauft wird und wie viel Wert es ist.

Es folgen ein paar lose Gedankengänge:
Die MI muss akzeptieren, dass die goldenen Zeiten der CD Verkäufe vorbei sind und auch nicht mehr wiederkommen. Diese Tatsache ist nicht zuletzt durch die MI selber begründet.

Die MI muss akzeptieren, dass es zukünftig dauerhaft nicht autorisierte Downloads geben wird. Diese sind gekommen und gehen nicht wieder weg.

Die MI muss neue Einkommensquellen schaffen. Dies passiert derzeit schon, muss aber noch weiter ausgebaut werden. Anstatt nur auf CD zu setzen muss sehr viel mehr Arbeit in das Downloadangebot investiert werden. Hier müssen die begehrtesten Formate angeboten werden, es müssen die unterschiedlichsten Qualitätsstufen angeboten werden (eventuell preislich gestaffelt) und es muss komplett auf DRM verzichtet werden.

Es müssen mehr exklusive Inhalte wie z.B. Konzertmitschnitte auf DVD, Blueray, usw. angeboten werden. Noch ist es so, dass bei solchen Produkten die “Raubkopien” bisher keine große Rolle spielen, denn das DVD Regal ist, abseits von Downloads, das neue CD Regal.

Es müssen sehr viel mehr Kaufanreize für Tonträger als auch für Downloads geboten werden. Zum einen durch eine Kostensenkung dieser Produkte und zum anderen durch exklusive Mehrwerte, wie Fanmaterial oder Verlosungen von Konzertickets.

Auflagen bestimmter exklusiver Produkte (die man schaffen muss) müssen künstlich limitiert werden, und können so zu einem deutlich höheren Liebhaberpreis angeboten werden. Hier könnte man spezielle Pressungen mit unterschiedlichem Zusatzmaterial, limitierten Layouts oder beigelegten Fanartikeln nennen, aber auch exklusive Veröffentlichungen auf z.B. USB Sticks im Banddesign werden von einigen Fans sicherlich gerne gekauft.

Der Mehrwert eines Kaufes gegenüber eines nicht autorisierten Downloads muss deutlich gemacht werden. Derzeit gib es einen solchen Mehrwert nämlich schlicht und einfach nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Die nicht legale Quelle bietet meist die besserer Qualität, sowie die begehrteren Formate zum Download als es die MI tut. Zudem finden Fans das gewünschte Album oft schon mehrere Wochen oder gar Monate vor offiziellem Release in den Tauschbörsen. Es ist dann so wie Pee Wee Vignold schreibt: „… und Fans sind für eins bekannt: sie können nicht warten“ (siehe oben).
Ich selber kenne keinen Fan einer Band, der darauf verzichten würde das lang ersehnte Album schon genau jetzt hören zu können, als erst in mehreren Wochen.

Kaufanreize einzelner Händler nach dem Prinzip, jeder Xte Download ist kostenlos. Bei Kauf automatische Teilnahme an Verlosungen von Konzerttickets, Fanmaterial, Bonusalben oder Tracks, sind einer weitere Möglichkeit Käufer zum Kauf zu animieren.

Obwohl viele der oben genannten Punkte bereits umgesetzt werden, gibt es mit Sicherheit noch sehr viel mehr Möglichkeiten neue Kaufanreize zu schaffen. Wenn die Produkte attraktiv sind und das Preis- Leistungsverhältnis stimmt, dann werden sie auch gekauft werden. Sehr wichtig wird es sein, Fans erfolgreich an die jeweiligen Bands binden zu können.

Das ewige, teils unfaire Gemeckere über die MI, bringt uns ohne konstruktive Verbesserungsvorschläge keinen Schritt weiter. Das Gegenteil ist der Fall.

Das Kriminalisieren der eigenen Kunden seitens der MI bringt uns nicht weiter und führt zu vorherigem Punkt minus „unfaire“.

Das derzeitige Vorgehen, dass die wegfallenden Einnahmen der CD Verkäufe durch mehr Konzerte mit teureren Eintrittspreisen aufgefangen werden, führt in eine Sackgasse und schließt die Zukunft der Musik, sprich junge noch unbekannte Bands, vollständig aus. Eintrittspreise für Konzerte müssen gesenkt werden.

Bei allen Überlegungen zu diesem Thema, darf eines niemals außer Acht gelassen werden. Im Zweifel müssen solche zukünftigen Modelle für jede einzelne Band angepasst und verändert werden. Erfolgsmodelle einzelner Bands kann man nicht auf beliebige andere Bands übertragen. Aus diesem Grunde wird sich die bisherige Labelarbeit auch grundlegend ändern müssen. Anstatt immer weniger zu tun, muss an dieser Stelle immer mehr getan werden.

Der Kunde wird immer mehr Wert auf die ihm gebotene Qualität des Produktes legen. Bietet man minderwertige Produkte oder gar Produkte in Formaten oder Bitraten an die man nicht nutzen möchte, werden diese Produkte boykotiert und man wird sich wieder dorthin wenden, wo man das gewünschte Material in dem Format bekommt welches man sucht. Und das sind die Tauschbörsen.

Kunden merken sich sehr genau, wie man sie behandelt. Besonders die Musikindustrie kann es sich derzeit als letztes leisten, ihre Kunden schlecht zu behandeln. Ist ein solcher Kunde erstmal in die Tauschbörsen abgewandert, wird er unter umständen nie mehr zurück kommen. Warum sollte er auch? Das wird es mit Sicherheit nicht sein, was die MI sich wünscht.

Zu guter Letzt wägt der Kunde heutzutage mehr denn je sorgfältig ab, für welche Produkte er bereit ist Geld auszugeben. Es wird also stark auf die gebotene musikalische Qualität ankommen, ob der Kunde sich dazu entscheidet Geld für ein Album auszugeben, das er eventuell auch kostenlos bekommen kann. Dies ist vielleicht sogar der Punkt, über den man sich für die Zukunft am meisten freuen kann. Songs mit einer „Haltbarkeit“ von 3 Hördurchläufen, werden es mit Sicherheit sehr schwer haben, finanzkräftige Fans zu mobilisieren. Längerfristig wird sich hier die qualitativ höherwertigere Musik durchsetzen. Und das ist gut so. Die minderwertigen Produkte können dann gerne verschenkt werden, da sie ohnehin oft von Produzenten stammen, die nicht mehr auf den letzten Euro angewiesen sind.

Keine der oben genannten Überlegungen ist neu. Aber als jemand der sich viel mit Musik beschäftigt, sind sie es für mich persönlich Wert aufgeschrieben zu werden. Es gibt mit Sicherheit noch viele weitere Ideen oder Meinungen, die für weiteren Diskussionsstoff sorgen können. Wer solche hat, sollte sie ebenfalls aufschreiben um damit zu dokumentieren, dass dieses Thema wichtig ist.

Ob und in welchem Maße sich die berühmte Musikindustrie von solchen Ausführungen beeinflussen lässt, werden wir sehen. Prinzipiell ist es sicherlich keine schlechte Idee, wenn man seine Kunden ernst nimmt und sie anhört. Oder ist der Kunde etwa nicht mehr König?

Veröffentlicht von kidffm am 14. Mai 2008. Abgelegt unter: Musik und gekennzeichnet mit folgenden Tags: , , . Du kannst einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback auf Deiner Seite setzen.

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